Die Höhe sieht man nicht. Man spürt sie.


Ich habe Respekt vor Bergen.

Aber Angst vor der Höhe hatte ich eigentlich nie.

Ich bin viele Jahre Ski gefahren. Wer gerne in den Alpen unterwegs ist, verbringt regelmäßig Zeit auf 2.500 oder 3.000 Metern. Nie hatte ich Probleme. Nie Kopfschmerzen. Nie Atemnot. Nie auch nur den Gedanken, dass mir die Höhe einmal ernsthaft zu schaffen machen könnte.

Deshalb habe ich auch bei unserer Peru-Reise nicht wirklich damit gerechnet.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen.

Vor vielen Jahren war ich bereits in Nepal. In Kathmandu wurde ich damals höhenkrank. Mein Sauerstoffgehalt fiel auf 75 Prozent. Das war unangenehm und beängstigend genug. Trotzdem hatte ich dieses Erlebnis im Laufe der Jahre fast wieder vergessen.

Kathmandu 2017

Schließlich war alles gut gegangen.

Diesmal sollte es anders kommen.

Anfangs waren es nur leichte Kopfschmerzen. Nicht vorne an der Stirn, sondern eher im Hinterkopf. Nichts Dramatisches. Etwas, das man auf die Reise, die Müdigkeit oder das Wetter schieben könnte.

Doch die Kopfschmerzen wurden stärker.

Dann kam Übelkeit dazu.

Und irgendwann merkt man einfach:

Das geht nicht mehr in die richtige Richtung.

Ich ging zur Rezeption unseres Hotels und sagte, dass ich gerne einen Arzt sprechen würde. Der Arzt kam rasch und maß sofort meinen Sauerstoffgehalt.

Als er die Zahl sah, wurde sein Gesicht ernst.

69 Prozent.

Sauerstoff & Infusionen

Bitte sofort ins Krankenhaus.

Dort wurde mir erst bewusst, wie schlecht es mir tatsächlich ging.

Kaum angekommen, musste ich mich übergeben. Wer mich kennt, weiß, dass das bei mir äußerst selten vorkommt. Normalerweise kann ich kaum erbrechen.

An diesem Tag war es anders.

Es war heftig.

Mein Körper war völlig erschöpft. Ich fühlte mich schwach, kraftlos und ausgelaugt. Ich bekam Infusionen, Sauerstoff und medizinische Betreuung.

Und plötzlich verstand ich, was die Höhe mit einem Menschen machen kann.

Man sieht sie nicht.

Man spürt sie.

Der Sauerstoff ist einfach nicht mehr ausreichend vorhanden. Der Körper arbeitet auf Hochtouren und versucht verzweifelt, das auszugleichen.

Lernfähig

Die folgende Nacht verbrachte ich mit einer Sauerstoffbrille.

Und etwas hat mich dabei besonders überrascht.

Man würde meinen, dass ein Schlauch in der Nase beim Schlafen stört.

Das Gegenteil war der Fall.

Der Körper erholt sich!

Ich habe selten in meinem Leben so tief und fest geschlafen.

Der Körper war förmlich dankbar für jeden zusätzlichen Sauerstoff.

In diesem Moment wurde mir klar, dass Höhenkrankheit nichts mit Fitness, Willenskraft oder Erfahrung zu tun hat.

Sie kann jeden treffen.

Auch jemanden, der glaubt, die Berge zu kennen.

Heute habe ich großen Respekt vor der Höhe.

Nicht Angst.

Aber Respekt.

Für zukünftige Reisen haben wir daraus gelernt.

Wenn wir wieder in große Höhen reisen, werden wir unserem Körper deutlich mehr Zeit geben. Nicht direkt vom Meeresspiegel auf fast 4.000 Meter. Nicht sofort ein volles Besichtigungsprogramm.

Sondern erst einmal ankommen.

Drei Tage. Vielleicht sogar länger.

Dem Körper Zeit geben, sich anzupassen.

Wenn möglich, die Höhe schrittweise gewinnen.

Als ich später Dokumentationen über die großen Himalaya-Expeditionen sah, musste ich daran denken. Reinhold Messner und die Sherpas brauchten oft Wochen oder sogar Monate, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Lager für Lager. Schritt für Schritt.

Natürlich werde ich keine drei Monate zur Akklimatisation benötigen.

Aber ich habe verstanden, warum diese Zeit so wichtig ist.

Manchmal glauben wir, wir könnten alles planen.

Flüge.

Hotels.

Ausflüge.

Routen.

Doch am Ende entscheidet oft etwas ganz anderes über den Verlauf einer Reise.

Unser eigener Körper.

Und genau deshalb werde ich ihm beim nächsten Mal etwas schenken, das wir im Alltag viel zu selten geben:

Zeit.