Es gibt einen Gedanken, der mich in den letzten Wochen immer wieder begleitet hat.
Wie schnell wir Menschen Situationen bewerten.
Etwas passiert.
Und sofort wissen wir:
Das ist gut.
Oder:
Das ist schlecht.
Zumindest glauben wir das.
Doch je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie vorsichtig ich mit solchen Urteilen geworden bin.
Denn das Leben schreibt seine Geschichten oft erst zu Ende, wenn wir sie längst beurteilt haben.
Vor unserer Peru-Reise war Bolivien eines meiner größten Highlights.
Alles war geplant.
Hotels waren gebucht.
Die Route stand.
Dann erfuhren wir eher zufällig, dass sich die Sicherheitslage massiv verschlechtert hatte.
Straßenblockaden.
Unruhen.
Eine Reise, auf die ich mich monatelang gefreut hatte, war plötzlich nicht mehr verantwortbar.
Ich war enttäuscht.
Richtig enttäuscht.
Wir stornierten fast alles und planten unsere Reise komplett neu.
Damals fühlte sich das wie eine Niederlage an.
Heute weiß ich:
Es war ein Geschenk.
Wir entdeckten Orte in Peru, die wir ursprünglich gar nicht besucht hätten.
Wir sammelten Erinnerungen, die heute zu den schönsten unserer Reise gehören.
Und plötzlich wurde mir bewusst:
Hätten wir an unserem ursprünglichen Plan festgehalten, hätten wir all das nie erlebt.
Ohne jemals zu wissen, was wir verpasst hätten.
Ein paar Wochen später stand ich vor einer ganz anderen Entscheidung.
Diesmal ging es nicht um eine Reise.
Sondern um meine Mutti.
Der Gedanke an eine 24-Stunden-Betreuung fühlte sich zuerst schwer an.
Ich dachte sofort an das, was sie verlieren würde.
Ihre Freiheit.
Ihre Selbstständigkeit.
Ihre Gewohnheiten.
Doch dann begann ich, die Situation einmal von der anderen Seite zu betrachten.
Plötzlich sah ich nicht mehr nur das, was verschwindet.
Ich sah das, was zurückkommt.
Sie muss nicht mehr alleine frühstücken.
Nicht mehr alleine zu Mittag essen.
Jemand kocht mit ihr das, worauf sie Lust hat.
Sie kann wieder spazieren gehen, weil immer jemand an ihrer Seite ist.
Sie kann mithelfen, sich einbringen und Teil des Alltags sein.
Vielleicht wird ihr Leben dadurch sogar wieder lebensfroher.
Und wieder stellte ich fest:
Ich hatte zuerst nur eine Seite der Geschichte gesehen.
Vor kurzem passierte mir etwas Ähnliches.
Nach unserer Toskana-Reise saß ich über zehn Stunden im Auto auf dem Heimweg.
Natürlich war das anstrengend.
Aber wenn ich heute an diese Reise denke, erinnere ich mich nicht an die 10,5 Stunden Autofahrt.
Ich denke an die traumhafte Landschaft.
An unsere wunderschöne Radtour.
An die kleinen Gassen.
An das gute Essen.
An das Lachen.
Die Anstrengung ist längst vergessen.
Die schönen Erinnerungen sind geblieben.
Seitdem versuche ich, etwas bewusster zu leben.
Nicht jede Situation sofort zu bewerten.
Nicht vorschnell zu entscheiden, ob etwas gut oder schlecht ist.
Denn vielleicht kenne ich gerade erst den Anfang der Geschichte.
Und vielleicht wartet die zweite Seite noch darauf, entdeckt zu werden.
Ich glaube, genau das lehrt uns das Leben immer wieder.
Nicht alles, was sich im ersten Moment falsch anfühlt, ist am Ende ein Fehler.
Und nicht alles, was zunächst wie ein Umweg aussieht, führt wirklich vom Ziel weg.
Manchmal führt er uns genau dorthin, wo wir eigentlich sein sollten.

